Immunvermittelte Nebenwirkungen einer Krebstherapie mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren betreffen häufig das Hormonsystem, berichtete Annalen Bleckmann vom Universitätsklinikum Münster (UKM) / Westdeutschen Tumorzentrum (WTZ) Münster auf dem 9. Radioonkologie-Update-Seminar am 14. und 15. November 2025 in Berlin.
Solche endokrinen immunvermittelten Nebenwirkungen (immune-related adverse events / irAEs) sind klinisch besonders relevant, da sie in vielen Fällen irreversibel sind und eine lebenslange Substitutionstherapie erforderlich machen können. Sie treten bei etwa 10 % bis 20 % der Patienten unter Checkpoint-Inhibition auf und betreffen am häufigsten die Schilddrüse, die Hypophyse, die Nebennierenrinde und seltener das pankreatische Inselzell-System. Pathophysiologisch führen autoreaktive T-Zellen und antikörpervermittelte Mechanismen zu einer Entzündung und Zerstörung endokriner Gewebe mit konsekutivem Funktionsverlust.
Am häufigsten beobachtet wird eine Thyreoiditis, insbesondere unter PD-1- oder PD-L1-Inhibition. Sie beginnt typischerweise mit einer transitorischen Hyperthyreose durch Freisetzung gespeicherter Schilddrüsenhormone, gefolgt von einer hypothyreoten Phase infolge der Drüsenzerstörung. Klinische Symptome sind Unruhe, Palpitationen und Gewichtsverlust in der Frühphase, später Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteintoleranz und Bradykardie.
Die Diagnostik umfasst die Bestimmung von TSH, freiem T4 und T3 sowie ggf. von Antikörpern gegen Thyreoperoxidase (TPO). Eine leichte Hyper- oder Hypothyreose kann oft symptomatisch behandelt werden, in der hypothyreoten Phase ist eine Substitution mit Levothyroxin erforderlich, meist dauerhaft.
Eine weitere wichtige endokrine irAE ist die Hypophysitis, die vor allem unter CTLA-4-Inhibition (z. B. Ipilimumab) auftritt. Durch eine lymphozytäre Infiltration der Hypophyse kommt es zu einer partiellen oder vollständigen Hypophyseninsuffizienz. Klinisch äußert sich dies mit Kopfschmerzen, Sehstörungen, Schwäche, Libidoverlust und Zeichen einer sekundären Nebennieren- oder Schilddrüseninsuffizienz. Die Laboruntersuchung zeigt erniedrigte periphere Hormonspiegel bei gleichzeitig inadäquat niedrigen oder normalen hypophysären Steuerhormonen. Eine MRT der Hypophyse kann eine Vergrößerung oder Kontrastmittelaufnahme nachweisen.
Therapeutisch erfolgt eine sofortige Glukokortikoid-Substitution, bei Bedarf ergänzt durch Schilddrüsen- oder Sexualhormone. Eine hochdosierte Steroidtherapie kann bei ausgeprägter Entzündung indiziert sein, um den Druck auf das Hypophysengewebe zu reduzieren.
Selten, aber potenziell lebensbedrohlich, ist eine primäre Nebennierenrindeninsuffizienz, die durch autoimmunvermittelte Zerstörung der Nebennieren entsteht. Symptome sind Müdigkeit, Hypotonie, Gewichtsverlust, Hyponatriämie und Hyperkaliämie. Die Diagnose basiert auf niedrigen Cortisolspiegeln und erhöhtem ACTH. Die Therapie besteht in einer lebenslangen Substitution mit Hydrocortison.
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden