Zum Vergleich: Im Vorjahr 2024 fehlten Arbeitnehmer rund 112 Tage wegen derartiger Belastungen, die, so die KKH, häufig durch Dauerstress und anhaltenden mentalen Druck entstehen. Zu Beginn der KKH-Analyse 2017 waren es noch rund 66 Tage. Im Vergleich zu 2025 bedeutet das einen Anstieg um fast 80 Prozent. Und nicht nur das: Akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen können die Vorstufe einer Depression sein. 2025 waren sie die häufigste psychische Diagnose bei Berufstätigen und der dritthäufigste Krankschreibungsgrund überhaupt – gleich hinter Infektionen der oberen Atemwege und Rückenschmerzen.
Neben privaten sowie gängigen beruflichen Stressoren wie etwa einem zu hohen Arbeitspensum und ständigen Überstunden, einem geringen Gehalt und Existenzängsten oder Konflikten mit Kollegen und Vorgesetzten misst die KKH-Ärztin Aileen Könitz der modernen Arbeitsweise mit Laptop und Smartphone ebenfalls eine Rolle zu. Damit einher gehe die Frage: Bedeuten mobiles Arbeiten und zeitliche Flexibilität wirklich Freiheit – oder Druck durch permanente Selbstorganisation und Verantwortung ohne klare Grenzen?
„Ich bezeichne es gern als den unsichtbaren Stress der Unklarheit“, erklärte Könitz. Moderne Arbeit könne erschöpfen, obwohl sie flexibler geworden sei. Arbeit stresse heute nicht nur, weil sie grundsätzlich als zu viel erlebt werde, sondern auch, weil vieles unentschieden, diffus und ungeklärt bleibe. Flexibles Arbeiten könne also dann Stress auslösen, wenn klare Regeln fehlen, wenn Zuständigkeiten, Prioritäten oder Erwartungen unausgesprochen bleiben und die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen. „Diese ständige Unklarheit kann es erschweren, sich nach der Arbeit gedanklich zu distanzieren und zur Ruhe zu kommen. Auf Dauer kann dies zu Anspannung und mentaler Erschöpfung führen“, so Könitz.
Unternehmen sollten daher klare Strukturen schaffen, an denen sich Arbeitnehmer orientieren können. Dazu gehören verbindliche zeitliche Obergrenzen für die Arbeitstage und klare Regeln für Ruhezeiten im Job. Führungskräfte können die Erholung von Mitarbeitenden fördern, indem sie Pausen und freie Zeiten bewusst respektieren. Um eine ständige Erreichbarkeit zu vermeiden, seien außerdem klare Kommunikationsregeln wichtig. Dazu gehöre etwa, den Austausch auf bestimmte Zeiten und Kanäle zu begrenzen.
Diese Daten belegen die zunehmende Bedeutung psychischer Erkrankungen bei Einschränkungen der beruflichen Leistungsfähigkeit. Daher sollte die AWMF-Leitlinie „Begutachtung bei psychischen und psychosomatischen Störungen“ (AWMF-Register Nr. 051-029), deren Gültigkeit am 14.12.2024 ausgelaufen ist, dringend aktualisiert werden (die Überarbeitung läuft derzeit).
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/051-029
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden