Etwa 20 bis 30 Prozent aller Verwundeten aus militärischen Einsatzgebieten weisen laut aktuellen Studien Verletzungen im Gesichts- und Halsbereich auf. Dabei handelt es sich häufig um komplexe Brüche des Mittelgesichts oder um Unterkieferfrakturen; auch Brüche der knöchernen Augenhöhle treten oft auf. Diese Verletzungen zählen zu den anspruchsvollsten Traumata überhaupt, da sie zentrale Funktionen wie Atmung, Nahrungsaufnahme, Sprache und Sinneswahrnehmung betreffen und oft mit massiven Blutungen einhergehen.
„Gerade im Einsatz verschieben sich die Prioritäten: Es geht darum, Leben zu retten, Atemwege zu sichern und schwerste Verletzungen im Gesichtsbereich schnell zu stabilisieren“, erklärte Alexander Schramm, Präsident des DGMKG-Kongresses 2026 und Ärztlicher Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde am Universitätsklinikum Ulm. Die MKG-Chirurgie nimmt bei der Behandlung von Kriegsverletzten eine Schlüsselrolle ein, da sie chirurgische Präzision mit interdisziplinärer Expertise verbindet und eng mit Anästhesie, Unfallchirurgie, Neurochirurgie sowie HNO- und Augenheilkunde zusammenarbeitet.
Nicht nur im Kriegsfall, sondern auch in zivilen Katastrophenlagen – etwa bei Terroranschlägen, Explosionen, Naturereignissen oder Großunfällen – zeigt sich die Relevanz der MKG-Chirurgie. In diesen Situationen müssen viele Schwerverletzte gleichzeitig versorgt werden. Die sogenannte Triage entscheidet darüber, wer sofort behandelt wird und wer „warten kann“. „Dabei müssen die behandelnden MKG-
Chirurgen präzise Entscheidungen über Behandlungsprioritäten treffen und extrem rasch handeln“, erläuterte Schramm. „Sie sind nicht nur operativ tätig, sondern auch maßgeblich an der Ersteinschätzung und Koordination beteiligt.“
Neben der unmittelbaren Lebensrettung spielt die Gesichtsrekonstruktion eine zentrale Rolle. Überlebende schwerer Verletzungen stehen häufig vor langwierigen Behandlungsprozessen. Ziel moderner MKG-Chirurgie ist es, sowohl Funktion als auch Ästhetik des Gesichtes wiederherzustellen. Hier kommen mikrochirurgische Gewebetransfers, patientenspezifische Implantate sowie digitale Planungsverfahren und 3D-Druck zum Einsatz. „Es geht nicht nur um das äußere Erscheinungsbild, sondern um grundlegende Funktionen wie Sprechen, Schlucken und soziale Teilhabe“, betonte Schramm.
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden