Antikörper-basierte Konjugate, eine wachsende neue Gruppe von Krebsmedikamenten, führen nicht selten zu Nebenwirkungen am Auge, berichtete Claus Cursiefen vom Zentrum für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Köln auf dem 15. Ophthalmologie-Update am 28. und 29. November 2025 in Mainz.
Diese Präparate (Antibody Drug Conjugates, ADCs) ermöglichen eine gezielte, Antikörper-basierte zytotoxische Therapie bei Krebszellen. Dabei werden zytotoxische Substanzen an einen monoklonalen Antikörper gebunden, der selektiv oberflächliche Merkmale von Tumorzellen attackiert. Durch diese Antikörper-basierte Spezifität sollen Effekte auf die Tumorzellen maximiert und Nebenwirkungen minimiert werden.
Allerdings führen viele dieser ADCs dennoch nicht nur zu systemischen, sondern auch zu okulären Nebenwirkungen. Die gemittelte Nebenwirkungsrate von ADCs liegt über 5 Jahre bei etwa 5 %.
Und hier sind es vor allen Dingen das schnell proliferierende Hornhautepithel und die Hornhaut, die betroffen sind. Nebenwirkungen entstehen dadurch, dass entweder unspezifisch freigesetzte zytotoxische Bestandteile von Bystander-Zellen endozytiert werden (off-Target) oder zufälligerweise der Antikörper auch an nicht Tumorzellen bindet (on-Target). Die Hornhaut ist eine häufig betroffene Zielstruktur von ADC-Nebenwirkungen, weil es eine Vielzahl von Oberflächen-Rezeptoren und eine sich sehr schnell proliferierende Zellpopulation (limbale epitheliale Stammzellen und epitheliale Progenitorzellen) gibt.
Typische okuläre Nebenwirkungen sind Sicca-Syndrom, Uveitis und Keratitis/Konjunktivitis. Diese treten meistens bilateral auf, beginnend am Limbus, und dann zentripedal fortschreitend und progredient. Symptome sind Blendung, Visusminderung und reduzierte Lebensqualität.
Bei der Therapie ist grundsätzlich zu unterscheiden zwischen dem Abmildern bzw. der Therapie von ADC-bezogenen Nebenwirkungen und den Implikationen für die Tumortherapie. Bei der Tumortherapie kann es zu einer Dosisreduktion kommen, zu einer Verlängerung von Therapie-Pausen oder auch zu einem Wechsel der Medikation.
Hier gilt, dass Therapie-Pausen und Dosis-Variationen dem normalen Standardprozedere in der hämato-onkologischen Therapie entsprechen, also nicht zwingend mit einer schlechteren Prognose vergesellschaftet sein müssen. Diese Angst sollte im Gespräch mit dem Patienten unbedingt genommen werden! Grundsätzlich muss die Therapie-Reduktion, Therapie-Pausierung oder -Umstellung im ausführlichen Gespräch mit dem Onkologen und dem Patienten entschieden werden. Der Augenarzt kann dann nur beratend zur Seite stehen und versuchen, die okulären Symptome zu lindern.
Zum Glück sind die meisten okulären Nebenwirkungen mild bis moderat und vor allen Dingen auch reversibel, und können durch Oberflächenpflege und Dosismodifikation bzw. verlängerte Therapiepausen gemildert werden. Bei nicht tolerablen Nebenwirkungen wie persistierenden Epitheldefekten in Richtung Ulkus und Perforationsgefahr sollte allerdings die Therapie diskontinuiert oder auf ein anderes Therapeutikum umgestellt werden – dies jedoch immer in enger Absprache mit den Onkologen und den Patienten, betonte Cursiefen.
Insgesamt sei die intensive Einbindung von Augenärzten in der Therapieplanung essenziell: Diese seien im Therapie-Monitoring von ganz großer Bedeutung und beraten den Patienten und auch den Onkologen. So sollten bei geplanter Therapie mit ADCs eine augenärztliche Untersuchung bereits vor Therapiebeginn erfolgen, und hier z. B. bereits bestehende Oberflächenbeschwerden wie Trockenes Auge behandelt werden.
Wichtig sei zudem, dass Patienten unter ADCs mit unerwünschten Ereignissen am Auge, insbesondere Keratitis oder Konjunktivitis, nach aktuellen Studiendaten im Vergleich zu Patienten ohne solche Ereignisse offenbar ein geringeres Sterberisiko haben. Da die ophthalmologische Behandlung von Patienten unter ADCs immer häufiger werde, könne eine aggressive Behandlung von unerwünschten Ereignissen am Auge gerechtfertigt sein, wenn ADCs wirksam seien, da unerwünschte Ereignisse am Auge auf bessere Überlebenschancen hindeuten können.
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden