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TCM – heterogene Konzepte

Behandlungen nach dem Konzept der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sind weiterhin bei Patienten sehr beliebt. Problematisch ist allerdings, dass sich unter dem Oberbegriff „Traditionelle Chinesische Medizin – TCM“ zahlreiche, teils ausgesprochen heterogene Konzepte finden, wie sich auf dem 57. TCM Kongress Rothenburg vom 12. bis 15. Mai 2026 in Rothenburg ob der Tauber, organisiert von der AGTCM (Arbeitsgemeinschaft für Klassische Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin) zeigte.

Schwerpunkt in diesem Jahr war die Gendermedizin, d. h. die biologischen (Lebensphasen) und soziokulturellen (Gender) Unterschieden bei Erkrankungen und Behandlungen, um eine individuelle Gesundheitsversorgung für alle zu ermöglichen. „Die Chinesische Medizin betrachtet von jeher den Menschen individuell und ganzheitlich“, betonte einleitend Birgit Ziegler, 1. Vorsitzende der AGTCM.

Auffällig war allerdings die große Heterogenität der vorgestellten Konzepte, wie die folgenden Beispiele zeigen (die teilweise für nicht mit der TCM-Nomenklatur Vertraute schwer verständlich sein dürften).

TCM-Konzepte von Sexualwissenschaft und Gynäkologie

So erklärte Zhou Shiyi von der Chengdu-Universität für Traditionelle Chinesische Medizin (China), als eine der vier großen antiken Zivilisationen habe China in seinen klassischen medizinischen Texten und alten Monographien zur Sexualität einen reichen Wissensschatz bewahrt, in denen die Prinzipien der sexuellen Gesundheit und der Gesundheitspflege (Yangsheng) über Hunderte oder Tausende von Jahren dokumentiert seien. Der in diesen alten Werken enthaltene theoretische Wert diene weiterhin als richtungsweisende Kraft für die moderne Sexualwissenschaft und die Gesundheitspflegepraktiken der TCM. In seinem Vortrag stellte er Perspektiven zur sexuellen Gesundheit und zu Yangsheng aus dem grundlegenden TCM-Klassiker Huangdi Neijing (der Klassiker des Gelben Kaisers) sowie aus bedeutenden alten chinesischen Texten zur Sexualität zusammen und analysierte diese.

Die Theorie der Meridiane und Kollateralen (Jingluo) bilde, so Shiyi, einen Grundpfeiler des theoretischen Rahmens der TCM. Während „Jingluo“ ein Sammelbegriff für Meridiane (Jingmai) und Kollateralen (Luomai) sei, konzentrieren sich klinische Diskussionen – insbesondere im Zusammenhang mit Akupunktur – häufig auf die Meridiane und die ihnen zugeordneten Akupunkturpunkte. Meridiane dienen als die primären Hauptbahnen des Systems, während Kollateralen als ihre weitreichenden, komplexen Verzweigungen fungieren, die sich im gesamten Körper vernetzen. Pathologisch weisen angeblich Erkrankungen der Kollateralen eigenständige Ätiologien, pathogenetische Mechanismen, symptomatische Profile und therapeutische Ansätze auf, die sich von denen der Meridianerkrankungen unterscheiden.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) spiegeln sich die Lebenszyklen der Frau im Zusammenspiel der Fünf Elemente weiter und lassen sich gleichzeitig mit der hormonellen Dynamik (Östrogen, Progesteron, FSH, LH) verbinden, behauptete die Heilpraktikerin Susanne Hilt aus Merzig. So können angeblich nicht nur das Lebensalter der Frau, sondern auch die monatlichen Zyklusphasen den Fünf Elementen zugeordnet werden:

  • Holz – Kindheit & Pubertät / Follikelphase (Wachstum, Östrogenanstieg)
  • Feuer – fruchtbare Jahre / Ovulation (Herz–Uterus-Achse, LH-Peak)
  • Erde – Schwangerschaft und Muttersein, Stillzeit und Übergänge / frühe Lutealphase (Nähren, Progesteron)
  • Metall – Perimenopause / späte Lutealphase (Loslassen, Progesteron-Abfall, PMS)
  • Wasser – Menstruation & Alter (Jing-Bewahrung, Abfall von Östrogen und Progesteron)

Fibromyalgie und muskuloskelettalen Erkrankungen aus Sicht der TCM

Die Fibromyalgie und deren Therapie aus Sicht der TCM beschrieb der Arzt und Ernährungswissenschaftler Uwe Siedentopp aus Kassel:

TCM bietet angeblich ein tiefgreifenderes Verständnis der Fibromyalgie. Diese entstehe durch Blockade des Qi Flusses in Muskeln, Sehnen und Leitbahnen, insbesondere im Funktionskreis Leber. Diese Störungen beruhen oft auf einer energetischen Erschöpfung (Xu), insbesondere von Blut (Xue) und Qi sowie in den Funktionskreisen Niere und Leber. Sekundär können toxische Hitze und pathogene Blockaden entstehen.

Zur Behandlung der der Fibromyalgie in der TCM nannte Siedentopp:

  • Akupunktur: Harmonisiert den Energiefluss und lindert Schmerzen.
  • Chinesische Arzneimittel: Unterstützen die energetische Regeneration.
  • Manuelle Therapien: Schröpfen, Gua Sha und Tuina lösen Blockaden und fördern die Heilung.
  • Bewegungstherapien: Praktiken wie Taiji und Qigong fördern Elastizität und Kraft.
  • Ernährungsberatung: Individuell angepasste Ernährung stärkt den Körper und unterstützt die Regeneration. Nahrungsmittel sollten gekocht, gedämpft oder geschmort sein, um das Milz-Qi zu schonen und Entzündungen zu reduzieren.

Der Heilpraktiker Johannes Bernot aus Hamburg stellte eine angeblich schnelle und effektive Methode zur Diagnose und Behandlung mithilfe der zwölf Jing-Well-Punkte und des Sechs-Kanal-Systems vor. Diese Methode decke schnell den betroffenen Kanal („Meridian“ der TCM) auf und ermögliche eine präzise Behandlung – sowohl bei akuten als auch bei chronischen Beschwerden. Sie lasse sich nahtlos in Akupunktur, Tuina, Gua Sha, Osteopathie und andere Techniken integrieren und behandele innere und muskuloskelettale Erkrankungen mit bemerkenswerter Einfachheit.

„Blutviskosität“ nach dem „Shen-Hammer-Puls-System“

Aus naturwissenschaftlicher Sicht nur sehr schwer nachvollziehbar waren insbesondere die Ausführungen von Claus Sørensen aus Kopenhagen (Dänemark) und des Heilpraktikers Sebastian Kütter aus Offenbach zum „Shen-Hammer-Puls-System“ zu (angeblich) erhöhter Blutviskosität, welche auch Bluthochdruck erklären könne:

Entweder werde das Blut durch Hitze überhitzt, oder unsere Fähigkeit, ausreichend Flüssigkeit im Blut zu binden, habe aufgrund verminderter Flüssigkeitsaufnahme und -verwertung abgenommen, oder es liege eine Kombination aus beidem vor. Die Flüssigkeit, die wir über Nahrung und Getränke aufnehmen, müsse vom Erdmittelpunkt zur Lunge und zum Himmel geleitet werden, kühle dort ab und tropfe dann als Nierenwasser (metallbildendes Wasser) herab. Das Nierenwasser werde im unteren Bereich durch das Nieren-Yang/Ministerial-Feuer erhitzt und steige dann im Osten als warmes, rotes Blut auf. Das könne man sich als Taijitu-Symbol vorstellen: Innerhalb des großen Taijitu befinden sich kleinere Yin-Yang-Paare. Im Norden stehen Nierenwasser/Yin und Nieren-Yang/Ministerialfeuer, im Osten warmes, nährendes Blut – das Leberblut (Jueyin) und das Ministerialfeuer.

Vermischungen mit Konzepten der westlichen Medizin:

Psychoanalyse, Psychotherapie und Mikrobiomforschung

Teilweise fanden sich aber auch Vermischungen mit Konzepten der westlichen Medizin:

Der Heilpraktiker Christian Scheweling aus Köln beschrieb die „Körpertypen- und Charakterbildung aus Sicht von Bioenergetik und Chinesischer Medizin“. Er nannte konstitutionelle Ansätze, die sich im Sinne der drei Umläufe bzw. der „Organuhr“ der TCM in der frühen Kindheit ergeben. Dabei habe er westliche Ansätze aus der Psychoanalyse, dem Teile-Modell und der Bioenergetik integriert, um neue Deutungsmöglichkeiten für die Archeytpen der Leitbahnen zu entwickeln. Der darauf basierende Behandlungsansatz führe schnell in die Tiefe an die Wurzeln von Krankheiten und Symptomatik und unterstütze somit nachhaltige Heilung.

Über Sinosomatics als eine therapeutische Methode, die traditionelle ostasiatische Medizin und westliche Psychotherapie verbindet, berichteten Annemarie Schweizer-Arau, Fachärztin für Psychosomatik aus Dießen am Ammersee, und Florian Beissner, Professor für Systemische Neurowissenschaften an der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Methode kombiniere Akupunktur und verwandte Techniken mit Elementen aus Hypnotherapie, Achtsamkeit und Körperpsychotherapie. Dabei verwende Sinosomatics gezielte somatosensorische Stimulation, um Symptome, Empfindungen oder mentale Bilder zu beeinflussen, die während der Sitzung auftreten, was es zu einer effektiven Methode für die Behandlung von Trauma-bezogenen und psychosomatische Störungen mache. Sinosomatics verfolge einen phänomenologischen Ansatz, der überliefertes und modernes Wissen zu einem intuitiven Verständnis traditioneller Konzepte kombiniert.

Die israelische Kinderärztin Gali Stoffman beschrieb deutliche Parallelen zwischen moderner Mikrobiomforschung und den Konzepten der klassischen chinesischen Medizin zu Milz, Yi und der Wandlungsphase Erde. Beide betonen angeblich die zentrale Bedeutung des Darms für Verdauung, kognitiven Fähigkeiten und die physische und emotionale Entwicklung im Kindesalter. Aktuelle Studien belegen, so Stoffman, dass das kindliche Darmmikrobiom stark von Ernährung, emotionalem Umfeld, Stress und Lebensstil beeinflusst wird – genau jene Faktoren, die in der TCM den Zustand von Milz und Yi prägen.

Anmerkung aus gutachtlicher Sicht

Somit ist festzustellen, dass bei der gutachtlichen Beurteilung von Behandlungen nach Konzepten der TCM (etwa zur Frage der medizinischen Notwendigkeit oder aus haftungsrechtlicher Sicht) ggf. zunächst geklärt werden muss, welche Variante der TCM – bzw. deren aktuelle konzeptionelle Erweiterung – tatsächlich durchgeführt wurde.

G.-M. Ostendorf, Wiesbaden