Ein aktueller Cochrane-Overview liefert einen nüchternen Überblick über die Wirksamkeit nicht-pharmakologischer und nicht-chirurgischer Behandlungen bei Rückenschmerz, berichtete Christian Maihöfner, Chefarzt der Neurologische Klinik am Klinikum Fürth, auf dem 18. Neurologie-Update-Seminar am 20. und 21. März 2026 in Mainz.
Chronischer Rückenschmerz ist eine der führenden Ursachen für Behinderung und Arbeitsunfähigkeit. Pharmakologische Optionen sind begrenzt (Nebenwirkungen, Abhängigkeitsrisiken, geringe Effektstärken). Leitlinien empfehlen daher primär nicht-operative, nicht-interventionelle und häufig nicht-pharmakologische Maßnahmen bei Kreuzschmerzen (low back pain; LBP). Für Klinik und Praxis ist aber entscheidend, welche dieser Optionen im Vergleich zu Placebo/Sham tatsächlich „über Kontext hinaus“ wirken und wie konsistent die Evidenz ist.
Rizzo und Kollegen bündeln nun in einer Übersicht systematisch bereits vorhandene Cochrane-Reviews zu nicht-pharmakologischen und nicht-chirurgischen Therapien bei Kreuzschmerzen im Erwachsenenalter. Ziel ist eine hochqualitative Gesamtübersicht über Wirksamkeit und Sicherheit in unterschiedlichen Beschwerdeverläufen (akut/subakut/chronisch) und Behandlungsmodalitäten.
Eingeschlossen waren Interventionen wie Bewegungstherapie, manuelle Therapie, Akupunktur, Massage, Rückenschulen, psychologische Verfahren (u. a. CBT-basierte Ansätze), physikalische Maßnahmen sowie kombinierte Programme. Die Autoren analysierten die Effekte getrennt für akuten, subakuten und chronischen Rückenschmerz und bewerteten Schmerz, Funktion und Lebensqualität. Besonderes Augenmerk lag auf der Qualität der Evidenz, der Heterogenität der Ergebnisse und der Frage, welche Interventionen gegenüber Minimalbehandlung, Warteliste oder Scheinintervention einen konsistenten Zusatznutzen zeigen.
Ergebnis ist eine „Landkarte“ der Evidenz mit klarer Betonung: Viele verbreitete Maßnahmen zeigen lediglich kleine bis moderate Effekte, teils mit Unsicherheiten durch Heterogenität, geringe Studienqualität oder fehlende Sham-Kontrollen. Der Mehrwert liegt weniger in einer einzelnen Intervention, sondern in der Priorisierung: Was ist solide, was ist unklar, was sollte eher zurückhaltend empfohlen werden, so Maihöfner.
Hier zusammengefasst die wichtigsten Ergebnisse:
- Bewegungstherapien: Mäßige Belege für eine Wirksamkeit bei der Schmerzlinderung und der Verbesserung der Funktion bei chronischen Kreuzschmerzen im Vergleich zu keiner Behandlung oder üblichen Versorgung.
- Akupunktur: Bietet leichte Verbesserungen bei Funktion und Schmerzen bei chronischen Kreuzschmerzen im Vergleich zu Scheinakupunktur oder ohne Behandlung und bietet auch Vorteile gegenüber Standardbehandlung.
- Wirbelsäulenmanipulation: Die Funktion bei akute/subakute Kreuzschmerzen verbessert sich wahrscheinlich nicht signifikant im Vergleich zu Plazebo, ist aber durchaus Teil von Behandlungsprogrammen.
- Psychologische Therapien: Können die Schmerzintensität bei chronischen Kreuzschmerzen leicht verringern, haben aber möglicherweise weniger Einfluss auf die Funktion selbst als auf begleitende psychosoziale Faktoren.
- Aktiv Bleiben vs. Ausruhen: Die Empfehlung von Aktivität statt Ruhe bei akuten Kreuzschmerzen reduziert die Schmerzen leicht und verbessert die Funktion.
- Multidisziplinäre Therapien: Können Schmerzen leicht lindern und die Funktion bei chronischen Kreuzschmerzen im Vergleich zur üblichen Behandlung verbessern.
- Traktionsbehandlungen: Zeigen einen geringen Unterschied in der Schmerzintensität bei chronischen Kreuzschmerzen im Vergleich zur Schein-Traktion.
Viele häufig eingesetzte Verfahren zeigen nur kleine Effekte oder eine unsichere Evidenzlage, kommentierte Maihöfner diese Ergebnisse. Die zentrale Botschaft sei aber nicht therapeutischer Pessimismus, sondern Priorisierung: Wenige Ansätze seien gut belegt, viele andere sollten zurückhaltender eingesetzt werden. Für die Versorgung bedeute dies eine stärkere Orientierung an evidenzbasierten Kerninterventionen und eine realistische Erwartungshaltung gegenüber einzelnen Maßnahmen.
Anzumerken, dass diese Ergebnisse auch für den Gutachter durchaus hilfreich sein können, etwa wenn die medizinische Notwendigkeit umfangreicher Therapien bei Kreuzschmerzen beurteilt werden sollen.
Rizzo, R. R. et al. (2025). Non-pharmacological and non-surgical treatments for low back pain in adults: an overview of Cochrane reviews. Cochrane Database Syst Rev., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40139265/
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden