Im angloamerikanischen Raum hat sich daher den letzten Jahrzehnten der von der amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH verwendete Begriff „Complementary and Alternative Medicine“ (CAM) und zuletzt abgeändert zu „Complementary and Integrative Medicine“ (CIM) durchgesetzt. In den letzten 10 Jahren hat sich der Schwerpunkt der angloamerikanischen Forschung stark auf die Mind-Body-Medizin und strukturierte Lebensstilmodifikation ausgerichtet, wobei sich eine starke Schnittmenge zur traditionellen Ordnungstherapie europäischer Prägung ergibt.
In Deutschland ist der Begriff Komplementärmedizin inzwischen akademisch ebenfalls etabliert; in der deutschsprachigen Tradition, in der Bevölkerung und bei Patienten sind jedoch die Begriffe Naturheilkunde und Naturheilverfahren weit mehr präsent. Dabei bilden die sog. „klassischen Naturheilverfahren“ die Basis des Fachgebietes Naturheilverfahren bzw. der „Naturheilkunde“ und umfassen vor allem Bereiche, welche die nicht-pharmakologischen und Lebensstil-bezogenen Therapieoptionen fokussieren.
Alle Verfahren der Naturheilkunde haben das Ziel, die Selbstregulation des Körpers („Selbstheilungskräfte“) anzuregen. Dabei werden die individuelle Konstitution des Patienten und seine bio-psycho-soziale Situation mitberücksichtigt. Die moderne Form der Naturheilkunde und Komplementärmedizin wird in der Regel nicht isoliert praktiziert, sondern kombiniert mit konventioneller Medizin im Sinne einer integrativen Medizin eingesetzt. Ziel ist die Verbesserung der Wirksamkeit bei gleichzeitiger Reduktion von Nebenwirkungen konventioneller Therapien.
Als „alternative“ Therapien werden im Sprachgebrauch der Naturheilkunde nur experimentelle Verfahren bezeichnet, deren Wirksamkeit nicht belegt ist und als Methode keine Plausibilität aufweisen. Sie sind kein Bestandteil der Integrativen Medizin. Solche Verfahren sind beispielsweise Bioresonanz oder Kinesiologie. Dagegen ist er Begriff „Alternativmedizin“ für die weitgehend evidenzbasierten Verfahren der ärztlichen Naturheilkunde zu vermeiden, so Michalsen.
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden