Ziel war es, ein klinisch hochrelevantes, aber bislang diagnostisch unscharf erfasstes Syndrom zu beschreiben: Kinder und Jugendliche mit chronischer, nicht-episodischer Reizbarkeit und wiederholten schweren Wutausbrüchen, die mit erheblicher funktioneller Beeinträchtigung einhergehen.
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Evidenzlage zu DMDD deutlich erweitert. Epidemiologische, longitudinale und neurobiologische Studien zeigen inzwischen konsistent, dass es sich nicht um eine Vorstufe oder Variante bipolarer Störungen handelt, sondern um ein eigenständiges Störungsbild mit klar unterscheidbarem Verlauf, Komorbiditäts-Profil und therapeutischen Implikationen. Vor diesem Hintergrund gewinnt DMDD aktuell sowohl für die Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie als auch für die entsprechenden Fachdisziplinen im Erwachsenenbereich zunehmend an Bedeutung.
Trotz der wachsenden Evidenz ist DMDD in der klinischen Praxis in Deutschland weiterhin sehr wahrscheinlich unterdiagnostiziert, bzw. es erscheint auch denkbar, dass betroffene Patienten von Klinikern ggf. andere Diagnosen wie zum Beispiel eine Störung des Sozialverhaltens mit einer begleitenden Störung der Emotionen erhalten.
Dafür lassen sich mehrere Gründe identifizieren:
· Die relative diagnostische Neuheit seit Einführung des DSM-5
· Die ausgeprägte Symptomüberlappung mit häufigeren Diagnosen wie ADHS
· Die fehlende eigenständige Verankerung in der ICD-11, die im deutschsprachigen Raum weiterhin das primäre Klassifikationssystem darstellt
· Die historisch gewachsene Assoziation mit dem „bipolaren Spektrum“, die aus der früheren Debatte um das Thema Severe Mood Dysregulation (SMD) resultiert
In der klinischen Folge erscheint es somit möglich bzw. denkbar, dass eine DMDD-assoziierte chronische Reizbarkeit häufig entweder bagatellisiert, ausschließlich als Verhaltensproblem interpretiert oder vorschnell als eine affektive Episodenstörung missverstanden wird, so Zepf.
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden