CAR-(T)-Zelltherapien und T-Cell-Engager markieren einen paradigmatischen Wandel in der Behandlung systemischer rheumatischer Autoimmunerkrankungen, erklärte Melanie Hagen, Oberärztin an der Medizinische Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie am Universitätsklinikum Erlangen, auf dem 21. Rheumatologie-Update-Seminar am 13. und 14. März 2026 in Mainz.
Erstmals stehen Therapieansätze zur Verfügung, die nicht auf eine dauerhafte Immunsuppression abzielen, sondern eine tiefe, selektive Elimination pathogener B-Zell- und Plasmazell-Kompartimente ermöglichen und damit das Konzept eines funktionellen immunologischen „Resets“ verfolgen. Die bislang publizierten klinischen Daten – insbesondere bei systemischem Lupus erythematodes, systemischer Sklerose und idiopathischen inflammatorischen Myopathien – zeigen eindrucksvoll, dass bei ausgewählten Patientinnen und Patienten anhaltende, therapiefreie Remissionen erreichbar sind.
T-Cell-Engager stellen eine neue Klasse zielgerichteter Immuntherapeutika dar, die das körpereigene T-Zell-System gezielt zur Eliminierung pathologischer Zielzellen rekrutieren. Durch die gleichzeitige Bindung an T- oder NK-Zellen und krankheitsrelevante Zielantigene ermöglichen sie eine hochselektive, Antigen-spezifische Immunaktivierung, unabhängig von der klassischen Antigenpräsentation über den MHC-T-Zell-Rezeptor-Komplex.
Historisch wurden CAR-T-Zellen und T-Cell-Engager bei Autoimmunerkrankungen nahezu ausschließlich im Rahmen individueller Heilversuche bei schwerkranken, mehrfach therapierefraktären Patienten eingesetzt. Dieses Vorgehen war angesichts der begrenzten Erfahrung und des innovativen Charakters der Therapien nachvollziehbar. Die aktuellen Studiendaten legen jedoch nahe, dass diese Patientenselektion überdacht werden sollte.
Zunehmend wird deutlich, dass eine frühere Anwendung – nämlich bei Patienten, die unter leitliniengerechter Therapie einen Progress zeigen oder bei denen relevante Organschäden drohen – mit einem größeren therapeutischen Nutzen verbunden sein könnte. Eine frühere Intervention könnte dazu beitragen, irreversible chronische Organschäden zu verhindern, insbesondere bei Nieren-, Lungen- oder ZNS-Beteiligung. Die optimale zeitliche Positionierung dieser Therapien innerhalb des rheumatologischen Behandlungspfades stellt daher eine der zentralen offenen Fragen dar.
Aktuell werden CAR-T-Zelltherapien bei Autoimmunerkrankungen in Deutschland in spezialisierten Zentren im Rahmen klinischer Studien oder als individueller Heilversuche durchgeführt. Zu den aktiven Standorten zählen derzeit (Stand Januar 2026): Erlangen, Tübingen, Heidelberg, Würzburg, Köln, Düsseldorf, Hamburg, Berlin, Leipzig, Magdeburg, Jena und Dresden. Mit der erwarteten Ausweitung klinischer Studien und der Etablierung nationaler Register ist in den kommenden Jahren mit einer weiteren Verdichtung dieser Versorgungsstrukturen zu rechnen.
Mit der zunehmenden klinischen Anwendung zellbasierter Therapien in der Rheumatologie gewinnt die strukturierte Leitlinienarbeit entscheidend an Bedeutung. Ein erster wichtiger Schritt ist das im Jahr 2024 publizierte EBMT-Empfehlungspapier von Greco et al. (EClinicalMedicine, 69, 102476), das grundlegende Prinzipien zur Anwendung von CAR-T-Zelltherapien bei Autoimmunerkrankungen formuliert.
Parallel dazu ist die Gründung einer eigenen Kommission innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) ein entscheidender Meilenstein. Sie schafft die Voraussetzung für nationale Empfehlungen zu Indikationsstellung, Patientenselektion, Sicherheitsmanagement, Nachsorge und Registerstrukturen.
Neben autologen CAR-T-Zelltherapien entwickeln sich allogene CAR-Produkte, In-vivo-CAR-Ansätze sowie T-Cell-Engager derzeit mit hoher Dynamik weiter. Diese neuen Therapieformen haben das Potenzial, die bislang notwendige hochspezialisierte, multidisziplinäre Versorgungsstruktur grundlegend zu verändern. Insbesondere T-Cell-Engager bieten als „off-the-shelf“ verfügbare, dosierbare und zeitlich steuerbare Arzneimittel die Perspektive, zellgerichtete Immuntherapien künftig als eigenständige rheumatologische Behandlungsoptionen zu etablieren.
Mit zunehmender Erfahrung, standardisierten Sicherheitsprotokollen und angepassten Dosierungsschemata könnte die Anwendung dieser modernen immunologischen Therapien perspektivisch in die Verantwortung der Rheumatologie selbst übergehen, vergleichbar mit der Einführung von Biologika oder JAK-Inhibitoren, kommentierte Hagen den aktuellen Stand. Auch allogene und In-vivo-CAR-Strategien zielen darauf ab, die hohe Komplexität, Kosten und zeitliche Verzögerung autologer CAR-T-Verfahren zu reduzieren und damit den Bedarf an umfangreicher interdisziplinärer Infrastruktur zu verringern. Langfristig könnten diese Entwicklungen dazu beitragen, zellbasierte Immuntherapien vom hochspezialisierten Einzelfall-Verfahren zu einer regulären rheumatologischen Therapieoption weiterzuentwickeln.
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden