Dieses sehr umfassende Werk gibt in zahlreichen Symptom-orientierten diagnostischen und therapeutischen Algorithmen Handlungsempfehlungen für verschiedene klinische Szenarien bei Myokarditis und Perikarditis und versucht so, diesen sehr breit und mitunter heterogen in Erscheinung tretenden Krankheitsbildern gerecht zu werden.
Eine wesentliche Neuerung ist die Schaffung des neuen Terminus „Inflammatory myocardial und pericardial syndromes“, kurz „IMPS“, der als Oberbegriff für jegliche Form von Myokarditis und Perikarditis geschaffen wurde und dem Umstand gerecht werden soll, dass beide Erkrankungen häufig koexistieren bzw. sich überlappen. Dies erklärt auch die Entwicklung dieser gemeinsamen Leitlinie für beide Krankheitsbilder.
Eine hervorgehobene Rolle wird dem Kardio-MRT in der Diagnostik der Myokarditis und/oder Perikarditis gegeben, was sich in einer Klasse-IB-Empfehlung niederschlägt. So kann die Diagnose einer Myokarditis allein auf Grundlage der klinischen Präsentation und dem Vorhandensein typischer Kriterien, den sog. Lake-Louis-Kriterien, beruhend auf dem sog. T1- und T2-Mapping bzw. dem Late-Gadolinium-Enhancement (LGE) im MRT, definitiv gestellt werden.
Zusätzlich wurde eine Risikokategorisierung in niedrig, intermediär und hoch für die Myokarditis und Perikarditis vorgenommen. Diese dient als Entscheidungshilfe für die weitere klinische Beobachtung und auch im Falle der Myokarditis für die Entscheidung
hinsichtlich der Notwendigkeit einer Myokard-Biopsie. Letztere soll im Falle einer „high-risk“ Myokarditis dabei helfen, die Therapie im Sinne einer Immunsuppression bei nicht-infektiöser Genese oder im Sinne einer anti-viralen und anti-bakteriellen Therapie (z. B. bei Lyme-Myokarditis) bei infektiöser Myokarditis entsprechend einzuleiten.
Neu ist ebenfalls die Empfehlung zu einer mindestens einmaligen Follow-Up-MRT-Untersuchung innerhalb von sechs Monaten nach dem Index-Ereignis im Falle einer Myokarditis zur Feststellung des Heilungsprozesses bzw. einer möglichen persistierenden Erkrankung und damit zur Risikoabschätzung und weiteren Therapie-Entscheidung (Klasse IC).
Inwieweit allerdings diese starke Aufwertung des MRTs in der Diagnosestellung, aber auch im Rahmen der Nachverfolgung der betroffenen Patienten (die sicherlich berechtigt ist), in der Praxis in Zeiten eines hoch defizitären Gesundheitssystems in Deutschland tatsächlich umgesetzt werden kann, ist fraglich, kommentierte Weferling.
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden