Etwa 40 % der Patienten mit einer Hyperthyreose aufgrund von Morbus Basedow (Graves Disease) leiden zusätzlich zu ihrer autoimmun bedingten Überfunktion der Schilddrüse auch an einer endokrinen Orbitopathie mit peri-orbitalen Schwellungen und Konjunktivitis, retro-orbitaler Inflammation mit Augenmuskelbeteiligung, Exophthalmus (Protrusio Bulbi) und Doppelbildern sowie in schweren Fällen Sehnerv-Kompression und Kornea-Schädigung mit Gefahr der Erblindung. Die endokrine Orbitopathie ist für die betroffenen Patienten immer eine sehr belastende Erkrankung.
Entsprechend den aktuellen EUGOGO-Leitlinien werden für die milde Form der endokrinen Orbitopathie lokale Maßnahmen und Selen empfohlen, während bei mittelschwerer bis schwerer aktiver endokriner Orbitopathie wöchentliche intravenöse (i. v.) Glukokortikoide empfohlen werden, da sie wirksamer und besser verträglich als orale Glukokortikoide sind. Neu aufgenommen wurde die Kombination von i. v. Methylprednisolon und Mycophenolat-Natrium als Erstlinientherapie.
Zweitlinienempfehlungen für die aktive mittel- bis schwere und aktive endokrine Orbitopathie sind: Erneute Behandlung mit Methylprednisolon, orales Prednison/Prednisolon in Kombination mit Ciclosporin oder Azathioprin, orbitale Strahlentherapie kombiniert mit oralen oder i. v. Glukokortikoiden, Teprotumumab (IGF1-RAntikörper), Rituximab (CD20-Antikörper) und Tocilizumab (IL-6-Antikörper).
Ist der Visus gefährdet, wird mit mehreren hohen Einzeldosen von Methylprednisolon i. v. pro Woche und – bei fehlendem Ansprechen – mit einer operativen orbitalen Dekompression behandelt. Eine rehabilitative Operation (orbitale Dekompression, Schiel- und Augenlidoperation) ist erst bei inaktiven Restmanifestationen einer endokrinen Orbitopathie indiziert.
Vielversprechend in Richtung einer pathophysiologisch begründeten, molekular zielgerichteten Therapie scheint nach aktuellen Studiendaten insbesondere eine Therapie mit Teprotumumab für die schweren Formen der endokrinen Orbitopathie zu sein. Ein großer Fortschritt wäre sicherlich auch ein möglicher zukünftiger Einsatz bei Patienten mit fortgeschrittener, klinisch nicht aktiver endokriner Orbitopathie, da bei diesen Patienten eine medikamentöse Therapie bislang nicht mehr erfolgversprechend war.
Allerdings ist aufgrund der bisher noch fehlenden Daten zur Langzeitsicherheit und Wirkung, den zum Teil schwerwiegenden Nebenwirkungen und dem fehlenden direkten Vergleich mit dem bisherigen Goldstandard einer i. v. Glukokortikoid-Therapie die genaue Einordung von Teprotumumab im Therapie-Algorithmus zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht endgültig möglich, so Weber. Weitere Probleme seien zudem der Preis und die – trotz erfolgter Zulassung – bisher fehlende Verfügbarkeit von Teprotumumab in Europa.
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden