Chronischer Schmerz wird erstmals nicht nur als Symptom, sondern als eigenständige diagnostische Kategorie verstanden, deren Subtypen systematisch und operationalisiert erfasst werden können. Die zentrale Neuerung besteht darin, dass chronische Schmerzen nicht mehr fragmentiert über unterschiedliche Kapitel verteilt und lediglich als Symptom kodiert werden, sondern im ICD-11-Kapitel MG30 „Chronische Schmerzen“ systematisch zusammengeführt werden.
Dies geschieht konsequent auf der Grundlage des biopsychosozialen Schmerzmodells: Chronische Schmerzen werden operational als Schmerzen definiert, die länger als drei Monate persistieren oder wiederkehren, unabhängig von der zugrunde liegenden Ätiologie, aber assoziiert mit Leidensdruck oder funktioneller Beeinträchtigung. Dies ist für die klinische Praxis ein Gewinn, weil Diagnosen konsistenter, vergleichbarer und damit therapie- und forschungsrelevanter werden.
Insbesondere die Aufnahme chronischer neuropathischer Schmerzformen in dieses Kapitel ermöglicht eine klarere Zuordnung und Dokumentation, was in klinischen Studien, Registerdatenerhebungen und Leitlinienanalysen essenziell ist, so Maihöfner. Langfristig könnte die ICD-11-Klassifikation helfen, epidemiologische Daten zum chronischen Schmerz zuverlässiger zu erfassen und Outcome-Messungen sowie Versorgungsforschung methodisch zu verbessern.
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden