Alter ist bei entzündlichem Rheuma nicht nur eine Begleitvariable: Die Immunalterung verändert Toleranzmechanismen, Infektabwehr, Impfantwort, Gewebereparatur und die Art, wie eine chronische Entzündung verläuft. Für Diagnostik und Therapie zählt deshalb nicht allein das Geburtsdatum, sondern das Zusammenspiel aus Krankheitsaktivität, biologischem Alter, Organfunktion, Gebrechlichkeit (Frailty), Komorbiditäten und bisheriger Immunsuppression.
Diagnostisch droht eine doppelte Fehlbewertung: Entzündliche Beschwerden werden als „normale Alterserscheinung“ abgetan, während degenerative Veränderungen vorschnell als aktive rheumatische Erkrankung interpretiert werden können. Entscheidend sind deshalb eine strukturierte Erfassung von Gelenkschwellungen, Morgensteifigkeit, systemischen Symptomen und Organmanifestationen sowie die gleichzeitige Beurteilung von Funktionsniveau, Sturzrisiko, Nieren- und Leberfunktion, Infektionsvorgeschichte, Impfstatus und Polypharmazie. Neue Kopfschmerzen, Kauschmerzen oder Sehstörungen im höheren Lebensalter müssen wegen des Verdachts auf eine Riesenzellarteriitis unverzüglich abgeklärt werden!
Therapeutisch gilt: Hohes Alter allein ist kein Grund für Unterbehandlung. Unkontrollierte Entzündung verursacht Organschäden, fördert Sarkopenie und Frailty, bedroht die Selbstständigkeit und erhöht das kardiovaskuläre Risiko. Bei rheumatoider Arthritis liegt das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse in Metaanalysen etwa 55 Prozent über dem der Allgemeinbevölkerung; während Krankheitsschüben kann es nochmals deutlich ansteigen, wohingegen eine Remission mit wesentlich günstigeren Verläufen verbunden ist.
Die richtige Konsequenz ist daher nicht „weniger Therapie“, sondern eine präzisere Therapie: rasche und konsequente Entzündungskontrolle, frühzeitige glukokortikoidsparende Strategien und eine Auswahl der Medikamente nach individuellem Risiko. Glukokortikoide und nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) sollten in der niedrigsten wirksamen Dosis und so kurz wie möglich eingesetzt werden. Bei zusätzlichen kardiovaskulären Risikofaktoren oder vorausgegangenen Ereignissen erfordern JAK-Inhibitoren eine besonders sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung.