Das Gutachten wird von medizinischen Laien veranlasst; Adressaten des Gutachtens sind der Auftraggeber und der Versicherte selbst. Beide Parteien müssen das Gutachten verstehen. Der Sachverständige ist daher angehalten, komplexe medizinische Sachverhalte in einer verständlichen und nachvollziehbaren Sprache zu formulieren.
Aufgabe des begutachtenden Arztes ist es, ein objektives, auf Fakten gegründetes und neutrales Gutachten zu verfassen. Das „Herzstück“ des Gutachtens sind die Zusammenfassung und Beurteilung. Hier gibt der Sachverständige noch einmal die Vorgeschichte und die objektiven Folgen wieder. Die subjektive Seite ist dabei jedoch ausführlich zu würdigen. Je nach Situation kann es sich um Kontextfaktoren, Besonderheiten eines Unfalls, Veränderung des Lebens oder Krisen und Brüche im Lebenslauf handeln.
Der Gutachter beschreibt einen kleinen Teil der „Lebensgeschichte seines Probanden“. Der Betroffenen muss sich im Gutachten wiederfinden; die Würdigung der subjektiven Seite darf das objektive Ergebnis jedoch nicht verzerren.
Wird ein schwerverletzter Proband (oder ein Kläger in einem Rentenverfahren vor dem Sozialgericht) jedoch in 20 Minuten „abgefertigt“ und erstellt der Arzt im Anschluss ein Gutachten in einem Umfang von 40 Seiten, so wird dieses – selbst wenn die Folgerungen sachlich zutreffen – keine Zustimmung des Probanden finden, betonte Thomann.
Der Mangel eines solchen Gutachtens bestehe in der unzureichenden Berücksichtigung der subjektiven Seite. Der Sachverständige habe nicht verstanden, dass er Teil der Lösung des Konflikts sei: Seine Aufgabe sei es auch zuzuhören, den Schmerz und das Leid des Betroffenen zu dokumentieren. Ein Sachverständiger, der seine Rolle verstanden habe, nehme sich Zeit: Für die Untersuchung eines polytraumatisierten Probanden seien zwei Stunden einzuplanen.
Finde sich der Proband im Gutachten subjektiv wieder, sei „seine Geschichte erzählt“ worden, dann werde auch ein Ergebnis leichter akzeptiert werden, wenn dies nicht den primären Vorstellungen des Betroffenen entspreche.
G.-M. Ostendorf, Wiesbaden