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Die neue US-Lipidleitlinie 2026: „Start early, get lower, treat longer“

Deshalb empfiehlt man jetzt frühes Screening, die Rückkehr zu LDL-Cholesterin-Zielwerten und einen längeren Risikohorizont. In der Publikation in Circulation (1) lautet der Grundsatz:  „Start early, get lower, treat longer“. „Das Risiko für atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungen summiert sich mit der Zahl der ‚Cholesterinlebensjahre‘, ganz ähnlich wie bei den Packungsjahren beim Rauchen. Würden wir früh genug behandeln, ließen sich 90 % der Erkrankungen vermeiden“, so der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Lipidologie, Prof. Oliver Weingärtner (2).

Erhöhte LDL-C-Werte müssen früh erkannt und langfristig behandelt werden

Die Empfehlung gilt auch schon für Kinder. Bereits im Alter von 9 bis 11 Jahren soll bei allen 1x einen Lipidstatus bestimmt werden. Bei familiärer Vorbelastung wird ein Kaskadenscreening schon ab dem Alter von 2 Jahren empfohlen. Bei Erwachsenen soll man im Alter von 19 Jahren und danach alle 5 Jahre screenen.

Als besonders wichtige Neuerung erachtet Prof. Weingärtner die Einführung einer 30-Jahres-Risikoberechnung zusätzlich zum bisherigen 10-Jahres-Risiko. „Das 10-Jahres-Risiko verhinderte bisher die Therapie junger Patienten“, sagt er. „Diese Gefährdung werde nach einer ausschließlich am 10-Jahres-Risiko orientierten Beurteilung häufig nicht als bedrohlich eingestuft“.

Mehr Menschen für primär-präventive Statintherapie

Eine aktuelle Analyse zeigt dies deutlich: Etwa 21,5 Millionen US-Amerikaner zusätzlich würden künftig für eine primärpräventive Statintherapie infrage kommen, überwiegend jüngere Menschen mit bislang niedrigerem geschätzten Risiko. Denn die neue Leitlinie erweitert nicht nur den Risikohorizont, sie senkt auch die Risikoschwellen für eine lipidsenkende Therapie. Damit setzt die Prävention deutlich früher im Leben an – und bereits bei einem niedrigeren Risiko, ein Vorgehen, dass sich Professor Oliver Weingärtner auch für die nächsten europäische Leitlinien vorstellen kann. Die Bedeutung der lebenslangen LDL-Cholesterin-Exposition wird im Update der ESC/EAS-Dyslipidämie-Leitlinie von 2025 (3)  auch schon betont. Nach diesen Leitlinien sollen Therapieentscheidungen bei uns jedoch zunächst weiterhin auf dem 10-Jahres-Risiko basieren.

Ein LDL-C-Zielwerte soll wieder angestrebt werden

Eine deutliche Kursänderung findet sich in der US-Leitlinie 2026 aber nicht nur bei der Risikobeurteilung, sondern auch bei den LDL-Zielwerten. Weingärtner: „Davon hatten sich die Amerikaner 2013 verabschiedet und nur noch nach Risiko mit unterschiedlich starken Statinen behandelt. Das nehmen sie jetzt zurück und machen wieder eine Zielwerttherapie – ähnlich den europäischen Empfehlungen“ (1, 3).

Die US-Leitlinie 2026 lenkt den Blick über das LDL-Cholesterin hinaus. Neben LDL-Cholesterin sollen auch ApoB, Non-HDL-Cholesterin, Lipoprotein(a) und hochsensitives CRP in die Risikobeurteilung einfließen. Die Leitlinie spricht hier von Risikoverstärkern.

Berücksichtigung des Coronary Artery Calcium-Score (CAC)  auch in den nächsten Europäischen Lipid-Leitlinien?

Positiv findet der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Lipidologie außerdem die stärkere Einbindung des Coronary Artery Calcium (CAC) Score. Weingärtner: „Ich finde toll, dass die Leitlinie schon für die Primärprävention Schwellenwerte für den CAC-Score angibt“, sagt er. Im ESC/EAS-Update von 2025 (3) wird der CAC-Score zwar ebenfalls als Risikomodifikator genannt, der berücksichtigt werden sollte, falls er bereits bestimmt wurde. Aber die neue US-Leitlinie 2026 integriert ihn in den Therapiealgorithmus und knüpft konkrete Handlungsempfehlungen an bestimmte CAC-Werte.

Der CAC-Score wird mithilfe eines Koronar-CTs bestimmt und ermöglicht es, Atherosklerose früher zu erkennen als funktionelle Belastungstests wie die Ergometrie. „Die Idee ist, Plaques früher zu sehen, damit man das Risiko besser einschätzen und früher behandeln kann“, erläutert Weingärtner. Dadurch könne nicht nur die Prävention verbessert werden. Sichtbare Verkalkungen erhöhten häufig auch die Bereitschaft der Patienten, eine lipidsenkende Therapie dauerhaft einzunehmen (2).

Literatur:(1) Karol. E. Watson et al.: The 2026 American College of Cardiology/ American Heart Association Multisociety Guideline on the Management of Dyslipidemia: A More Precise — But More Complicated — Framework for Atherosclerotic Cardiovascular Disease Prevention and Treatment.
Circulation. 2026; 153:1265–1267. DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.126.079538(2) Nadine Eckert: Radikal erneuerte US-Lipidleitlinie – early, lower, longer: ein Wegweiser für die Therapie in Deutschland? (nach Oliver Weingärtner).
Medscape 30. Juli 2026(3) Ulrike Schatz: Update 2025 der Lipid-Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und der Europäischen Atherosklerose-Gesellschaft (EAS).
DGE-Blogbeitrag vom 6. Oktober 2025

Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, Prof. Helmut Schatz, Bochum