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W. Spellbrink

Die Prüfung des Vorliegens eines Arbeitsunfalls gem. § 8 Abs. 1 SGB VII am Beispiel der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) [1]

Zusammenfassung

Der Beitrag setzt sich mit der immer wieder geäußerten Ansicht auseinander, die Anerkennung einer PTBS als Arbeitsunfall in der gesetzlichen Unfallversicherung fordere notwendigerweise den Nachweis einer sog. seelischen Erstbeeindruckung bzw. ­eines psychischen Gesundheits-Erstschadens. Dabei fällt auf, dass Mediziner offenbar der Ansicht sind, die Feststellung ­eines Erstschaden sei eine juristische Notwendigkeit, die aus dem Prüfschema des BSG über das Vorliegen eines Arbeitsunfalls folge. Ausgehend von diesem Prüfschema wird aufgezeigt, dass die Frage, ob eine PTBS kausal auf ein Unfallereignis zurückgeführt werden kann, im Rahmen der sog. haftungsbegründenden Kausalität zu prüfen ist. Ein Arbeitsunfall i. S. des § 8 Abs. 1 SGB VII erfordert juristisch das Vorliegen eines kausal verursachten Gesundheitsschadens, keinesfalls aber weitere, später hinzutretende Sekundärschäden. Das Entstehen von länger andauernden Unfallfolgen aufgrund des Gesundheitsschadens, die sog. haftungsausfüllende Kausalität, ist keine Tatbestandsvoraussetzung eines Arbeitsunfalls. Soweit behauptet wird, die PTBS sei immer nur bei der haftungsausfüllenden Kausalität als Unfallfolge zu prüfen, stellt dies einen juristischen Denkfehler dar. Bei der Prüfung der haftungsbegründenden Kausalität kann das Vorliegen einer seelische Erstbeeindruckung dann erforderlich sein, wenn nach dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis in der medizinisch - psychologischen Wissenschaft ein solcher „Erstschaden“ notwendige Voraussetzung der Diagnose einer PTBS als Gesundheitsschaden wäre, was wohl nicht der Fall sein dürfte. Juristisch besteht jedenfalls keine Notwendigkeit, das Vorliegen einer seelischen Erstbeeindruckung zu fordern.

Schlüsselwörter Arbeitsunfall – Prüfschema – Bundessozialgericht – Kausalität – Haftungsbegründende Kausalität – Haftungsausfüllende Kausalität – Psychische Erkrankung – PTBS – Erstschaden – seelische Erstbeeindruckung – Folgeschaden - Gutachter – Aufgabenverteilung – wissenschaftlicher Erkenntnisstand

MedSach 116 3/2020: 114–119

Assessment of the existence of an employment accident pursuant to section 8 (1) Book VII of the German Social Code (SGB VII) based on the example of posttraumatic stress disorder (PTSD)

Abstract

The paper addresses the repeatedly expressed view that the recognition of PTSD as an employment accident in statutory accident insurance necessitates the proof of emotional distress (“seelische Erstbeeindruckung”) and/or direct damage to mental health. It is striking that medics are clearly of the opinion that the diagnosis of direct damage is a legal necessity and this is done by using the Federal Social Court (BSG) assessment procedure to verify the occurrence of an employment accident. The use of this assessment procedure shows the need to address the question of whether the cause of PTSD can be attributed to an accident in the sense of proximate cause. An employment accident under the terms of section 8 (1) Book VII of the German Social Code (SGB VII) requires by law the establishment of a causal relationship with the existence of damage to health, but this does not apply to any secondary damage that occurs subsequently. The occurrence of prolonged consequences of an accident due to damage to health, referred to as contributory cause, is not a legal prerequisite for an employment accident. The assertion that PTSD must only be assessed as the result of an accident in the case of contributory cause constitutes an error of legal reasoning. When assessing proximate cause, the existence of emotional distress may be necessary if the current state of scientific knowledge in the field of medical psychology stated that such “direct damage” was a necessary requirement for the diagnosis of PTSD as health damage, which presumably might not be the case. At all events, there is no legal requirement for the existence of emotional distress.

Keywords occupational accident – check procedure – Federal Social Court – causality – proximate cause – contributory cause – mental illness – PTSD – direct damage – emotional distress – consequential damage – expert – distribution of tasks – state of scientific knowledge

Anschrift des Verfassers

Prof. Dr. Wolfgang Spellbrink
Vorsitzender Richter
Bundessozialgericht
Graf-Bernadotte-Platz 5
34119 Kassel