MedSach Ausgabe: 05-2018

Antibiotische Therapie der Appendizitis bei Kindern

Aktuell werden Komplikationen in der Behandlung der akuten Appendizitis von der Öffentlichkeit und vor allem auch von juristischer Seite noch vorwiegend allein auf eine zu späte Operation zurückgeführt. Das kann allerdings meist wissenschaftlich widerlegt werden, berichtete Bernd Tillig, Stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie e. V. (DGKCH) und Direktor der Klinik für Kinder- und Neugeborenenchirurgie und Kinderurologie am Vivantes Klinikum Neukölln, Berlin, anlässlich des 135. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie vom 17. bis 20. April 2018 in Berlin.

Bereits vor circa zwei Jahren wurde in der Fachliteratur eine wissenschaftliche Pilotstudie veröffentlicht, die zeigte, dass es offensichtlich möglich ist, bei Kindern eine Appendizitis ohne Operation und nur mithilfe von Antibiotika sicher zu behandeln. Diese Untersuchungen wurden an dem renommierten Astrid Lindgren Kinderhospital der Karolinska Universität in der schwedischen Hauptstadt Stockholm durchgeführt. Damit wurde das lang bestehende Paradigma erschüttert, dass ein akut entzündeter Blinddarm unverzüglich und dringend mit einer Operation entfernt werden müsse.

Die antibiotische Behandlung der akuten Appendizitis ist nicht neu. Sie gehört seit Langem vor und nach der Operation zum üblichen Vorgehen. In den Fällen mit einer sogenannten komplizierten, das heißt perforierten, Appendizitis, wobei die Entzündung auf den Bauchraum übergegriffen und sich ein Abszess gebildet hat, ist die primäre und alleinige Antibiotikatherapie eine bereits etablierte Behandlungsoption.

In mehreren internationalen Studien wurden nun die Ergebnisse der operativen Behandlung mit denen nach konservativer Behandlung der akuten Appendizitis wissenschaftlich verglichen. Nach konservativem Vorgehen nur mit Antibiotika bei unkomplizierter Appendizitis (nicht perforiert) wurde eine Misserfolgsrate von bis zu 40 Prozent ermittelt, wobei in bis zu 30 Prozent der Fälle in der Folgezeit ein Rezidiv auftrat. Bei der konservativen Antibiotikabehandlung der komplizierten Appendizitis (perforiert mit Abszess) wurden eine Misserfolgsquote von bis zu 20 Prozent und eine Rezidivrate von über 30 Prozent festgestellt. Im akuten Stadium traten bei der konservativen Behandlung weniger Komplikationen als nach der primär operativen Behandlung auf.

Die aktuellen Studien zeigen zudem, dass der Ultraschalluntersuchung vor allem bei Kindern neben der klinischen Untersuchung der größte diagnostische Wert zukommt. Demnach ist es möglich, den Wurmfortsatz mit einer professionellen Ultraschalluntersuchung eindeutig darzustellen und die Diagnose einer akuten Appendizitis mit einer Wahrscheinlichkeit von circa 90 Prozent sicher zu stellen beziehungsweise mit circa 95-prozentiger Sicherheit auszuschließen. Die professionelle Ultraschalluntersuchung ist damit die wichtigste Voraussetzung für eine sichere Diagnosestellung und unbedingt erforderlich, um die Behandlungsstrategie festlegen zu können.

Es konnte also nachgewiesen werden, dass auch bei Kindern die akute Appendizitis ohne Operation und vor allem bei der komplizierten Appendizitis nur oder zumindest initial mit Antibiotika behandelt werden kann, fasste Tillig den aktuellen Kenntnisstand zusammen. Allerdings spiele die Operation nach wie vor eine zentrale Rolle, sowohl als primäre, unmittelbar wirksame Therapieoption mit besten Langzeitergebnissen als auch sekundär bei Versagen der konservativen Behandlung oder als Intervall-Appendektomie nach erfolgreicher Antibiotikatherapie, um ein Rezidiv der Blinddarmentzündung zu verhindern.

G.-M. Ostendorf, Wiesbaden 

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Schlagworte zu diesem Artikel:

Ultraschalluntersuchung (41%)Operation (37%)Antibiotikum (33%)

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