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MedSach Ausgabe: 01-2015, Seite 35  
S. Bartel, E. v. Kardorff, H. Ohlbrecht

„Die Akte muss rund gemacht werden.“ Eine qualitative Untersuchung von Entscheidungsheuristiken bei Anträgen auf Erwerbsminderungsrente nach Aktenlage

Abstract deutsch

Zusammenfassung: Gegenstand des von der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV-Bund) geförderten Forschungsprojektes war die Analyse der Heuristiken, die Prüfärzte zur sozialmedizinischen Entscheidungsfindung bei Anträgen auf Gewährung einer Erwerbsminderungsrente nach Aktenlage nutzen. Ein Ziel der Studie war es, latente Muster, Kriterien und Einflussfaktoren zu identifizieren, die den Entscheidungsprozess in der Praxis bestimmen. Dazu wurden individuelle Haltungen und Strategien, professionsspezifische Orientierungen, organisationsbedingte Anforderungen und Abläufe sowie Wirkfaktoren aus dem Umfeld der Organisation wie etwa antizipierte Sozialgerichtsprozesse untersucht.
Das Forschungsdesign war triangulativ angelegt: unterschiedliche Datensorten (Akten, Interviewtranskripte, Think-Aloud-Protokolle) wurden mit Hilfe verschiedener Methoden der qualitativen Sozialforschung erhoben, analysiert und wechselseitig kontrolliert. Insgesamt wurden 130 Akten ausgewertet und zehn daraus kontrastiv ausgewählte Akten durch zwei externe sozialmedizinische Experten bewertet. Die Leitfadeninterviews fanden mit sechs Experten der Leitungsebene und mit 19 Prüfärzten statt. Mit der Think-Aloud-Methode wurden Entscheidungsprozesse in actu bei 80 Fällen erhoben und anschließend sequenziell rekonstruiert, um die Entscheidungsprozesse, die schließlich zur Empfehlung (Entscheidungshilfe) für die Leistungsabteilung führen, Schritt für Schritt nachzuvollziehen.
Die komplexen Anforderungen an die Begutachtung wurden analysiert und relevante Bedingungen für Entscheidungsprozesse identifiziert, wie etwa der Perspektivenwechsel, den Sozialmediziner von der Rolle als Behandler zur Rolle des Gutachters vollziehen, die variierende Berücksichtigung von Kontextfaktoren oder Probleme bei der medizinischen Sachaufklärung und der Wertung ärztlicher Befunde und Gutachten in den Akten. Die Rolle der Organisation (Legitimationserfordernisse, Arbeitsvorgaben und Ablauforganisation, Corporate Identity), beruflich erworbene Erfahrungswerte und praktisch bewährte Daumenregeln sowie Strategien und Stile der Aktenarbeit wurden in ihrem Einfluss auf Gewichtungstendenzen für einzelne (Kontext-)Faktoren (z. B. Alter, Erwerbsbiographie) bei der Erstellung von Entscheidungsvorlagen analysiert. Vor allem konnten Art und Wirkung benutzter Heuristiken und die Nutzung von Interpretationsspielräumen sichtbar gemacht werden, die im Entscheidungsprozess zur Empfehlung für oder gegen eine EM-Rente dazu beitragen, „Deduktionslücken“ zu schließen um die Akte „rund zu machen“ und damit die Akzeptabilität der Empfehlung zu „konstruieren“, und sie trotz einer grundsätzlich „begrenzten Rationalität“ des Entscheidungsprozesses sachverständig zu begründen.

Stichworte: Begutachtung nach Aktenlage – Entscheidungsheuristiken – begrenzte Rationalität – Think-Aloud-Verfahren – doppelte Professionalisierung – Erwerbsminderungsrenten.

Anschrift des Verfassers:
Susanne Bartel
Humboldt-Universität zu Berlin,
Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät
Institut für Rehabilitationswissenschaften,
Abt. Rehabilitationssoziologie,
berufliche Rehabilitation und
Rehabilitationsrecht
Unter den Linden 6
10099 Berlin

 

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Schlagworte zu diesem Artikel:

Entscheidungsprozess (54%)Prüfarzt (45%)Gewichtungstendenz (35%)

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