Reha-Angebot für pflegende Angehörige von Demenzerkrankten

Schätzungsweise vier Millionen Menschen in Deutschland pflegen einen Angehörigen im häuslichen Umfeld. Die physische, psychische und finanzielle Belastung für die Pflegenden ist enorm. Leidet das zu betreuende Familienmitglied an einer Demenz, ist die Aufgabe besonders kräftezehrend und emotional anspruchsvoll. Gleichwohl nehmen Pflegende aus Sorge um ihre Angehörigen selten Rehabilitationsangebote wahr. Dringend notwendig sind deshalb Reha-Programme, bei denen demenzkranke Angehörige mit aufgenommen werden können. Eines der wenigen Angebote dieser Art bietet das AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg an. Dieses wurde nun von Sozialmedizinern der Universität Lübeck evaluiert. Ihre Untersuchung belegt deutliche gesundheitliche Verbesserungen für die Pflegenden am Ende der Rehabilitation. Sechs Monate danach gingen die Effekte jedoch zurück. In der Fachzeitschrift „Rehabilitation“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2019) fordern die Wissenschaftler deshalb Nachsorgeangebote, die sich besser als bisher an den Bedürfnissen der Pflegenden orientieren.

Das AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg, Rehabilitationsklinik für Pflegende Angehörige, hat sich im Jahr 2012 als erste Einrichtung in Deutschland auf die psychosomatische Behandlung von Menschen spezialisiert, die einen demenzkranken Angehörigen pflegen. Eine Besonderheit dort ist, dass die Demenzbetroffenen mit aufgenommen werden können. „Für die meisten Pflegenden ist das die Voraussetzung, um eine Rehabilitation wahrzunehmen“, sagt Professor Dr. phil. Dipl.-Soz. Ruth Deck, Leiterin des Fachbereichs Rehabilitationsforschung am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität Lübeck, die die Studie leitete.

Deck und ihr Team konnten insgesamt 121 Rehabilitanden zu Beginn und zum Abschluss des Aufenthalts sowie sechs Monate nach Abschluss der Reha-Maßnahme befragen. Wie belastend die häusliche Pflege ist, zeigte sich bei der Eingangsbefragung: Die Pflegenden gaben an, im Alltag und bei der sozialen Teilhabe deutlich eingeschränkt zu sein, auch wiesen sie häufig psychische Beeinträchtigungen, Schmerzen und andere körperliche Beschwerden auf. Im Vergleich zu einer gesunden Bevölkerungsstichprobe schätzten sie ihre Lebensqualität deutlich geringer ein und erreichten mehr als doppelt so hohe Werte für Teilhabeeinschränkungen und depressive Verstimmungen.

Die in der Regel dreiwöchige Rehabilitation soll den Pflegenden deshalb Raum zur Erholung bieten und ihnen helfen, Kraftressourcen zu erschließen und ein Unterstützungsnetzwerk aufzubauen. Die multimodale Behandlung umfasst verschiedene Therapieformen wie psychotherapeutische Einzel- und Gruppensitzungen, Ergo-, Kunst-, Musik- und Physiotherapie. Außerdem werden die Teilnehmer pflegerisch geschult und erhalten eine Sozialberatung. Während der Therapieangebote werden die dementen Angehörigen durchgehend betreut, damit die Pflegenden sich ganz ihrer Therapie widmen können.

„Am Ende der Rehabilitation lassen sich signifikante Verbesserungen feststellen. Das Ausmaß der Allgemeinbeschwerden ist in hohem Maße zurückgegangen. Noch stärkere Veränderungen zeigen sich bei den depressiven Verstimmungen“, so Deck und ihr Team. Auch die Schmerzbelastungen haben sich am Ende der Rehabilitation deutlich reduziert.

„Die Reha ist mit einem hohen gesundheitlichen Gewinn verbunden“, urteilen die Autoren der Studie. Noch mangele es jedoch an einer guten Nachsorge: Sechs Monate nach dem Klinikaufenthalt waren die Therapieeffekte wieder stark zurückgegangen. Zwar erhalten die Rehabilitanden und die sie behandelnden Ärzte am Ende der Reha umfassende Nachsorgeempfehlungen wie eine ambulante Psychotherapie für den Pflegenden und eine Tagespflege für den Demenzkranken. Diese werden jedoch oft nicht oder nur unzureichend wahrgenommen. „Um den Rückgang der Reha-Erfolge zu vermeiden, muss die Nachsorge offenbar noch stärker an den Bedürfnissen des Pflegenden ausgerichtet werden“, betonen die Wissenschaftler.

R. Deck et al.:
Rehabilitation mit einem demenzkranken Angehörigen: Ergebnisse einer längsschnittlichen Beobachtungsstudie
Die Rehabilitation 2019; 58 (2); S. 89–95.

Pressemitteilung thieme.de

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