Von Jägern und Gejagten: Psychiatrische Aspekte von Stalking

Stalking ist ein in der Bevölkerung weit verbreitetes Phänomen. Abhängig von der jeweiligen Definition werden acht bis 25 Prozent einmal in ihrem Leben Opfer eines Stalkers. Ein Beitrag in der Fachzeitschrift „PSYCH up2date“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2019) zeigt auf, welche Auswirkungen Stalking auf das Leben der Betroffenen hat und gibt einen Überblick über Stalking-Typen und ihre Gewaltbereitschaft. Dabei zeigt sich unter anderem, dass die wenigsten Stalker unter einer psychischen Störung leiden und dass es auch „falsche Opfer“ gibt.
Der englische Begriff Stalking entstammt der Jägersprache und bezeichnet das Anpirschen und Heranschleichen an die Beute. Wo die harmlose Kontaktsuche endet und das Stalking beginnt, ist bislang nicht eindeutig definiert. Klar ist jedoch, dass Stalker ihre Opfer verfolgen, belästigen, und mit wiederholten Kontaktversuchen in Angst versetzen. „Stalking stellt für die Betroffenen eine chronische Stresssituation dar. Sie zeigen häufig Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung oder einer Depression“, sagt Professor Dr. med Harald Dreßing, Leiter der Forensischen Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und Autor des Fortbildungsbeitrags.

Das Gefühl der Bedrohung, das die Betroffenen empfinden, ist durchaus berechtigt: Stalking kann gewalttätig eskalieren und in seltenen Fällen sogar in ein Tötungsdelikt münden. „Eine der wichtigsten Aufgaben des behandelnden oder beratenden Psychotherapeuten ist daher die Risikoanalyse“, so Dreßing. Als Warnsignal gilt es etwa, wenn der Stalker bereits Suizid- oder Tötungsgedanken geäußert hat. Auch von Stalkern, die substanzabhängig sind, Zugang zu Waffen haben oder bereits früher gewalttätig geworden sind, geht eine erhöhte Gefahr aus.

Psychiater ordnen die Täter in fünf Stalker-Typen ein. „Fast die Hälfte zählt zu den sogenannten Ex-Partner-Stalkern“, erläutert Dreßing. Diese hatten bereits eine intime Beziehung zum Opfer und beginnen die Verfolgung, nachdem diese Beziehung zerbrochen ist. Weil hier auch Rache als Motiv infrage kommt, besteht ein erhöhtes Risiko für Drohungen und Übergriffe.

Ein erhöhtes Gewaltrisiko geht auch vom sogenannten beutelüsternen Stalker aus: Er wählt sein Opfer mehr oder weniger zufällig aus und verfolgt es, um einen sexuellen Übergriff zu planen. „Das Stalking dient hier definitiv als Vorbereitung einer gewaltsamen Handlung“, sagt Dreßing.

Des Weiteren kennen Experten Liebe suchende Stalker. Sie sind im Liebeswahn davon überzeugt, dass ihr Opfer sie eigentlich auch liebe, auch wenn vorher keine Beziehung bestanden hat. Der Rache suchende Stalker möchte hingegen die Zielperson aufgrund eines vermeintlichen, oft im beruflichen Umfeld geschehenen Unrechts in Angst versetzen. Der inkompetente Stalker hat eine geringe soziale Kompetenz. Es fällt ihm deshalb schwer, Kontakte zu knüpfen und Beziehungen aufrechtzuerhalten. Durch Stalkingverhaltensweisen versucht er eben das zu erreichen, ist aber nicht in der Lage, Zurückweisungen richtig zu interpretieren.

Auch wenn Stalking immer als abnormes Verhalten zu bewerten ist, liegt dem Problem nur selten eine psychotische Störung zugrunde. „Bei der größten Gruppe der Stalkingfälle ist beim Täter keine gravierende psychiatrische Diagnose zu stellen“, ist Dreßing überzeugt. Stalking sei daher in den meisten Fällen als kriminelles Delikt und nicht als Krankheit zu werten.

Umgekehrt müssten Therapeuten bei den von Stalking betroffenen Personen ausschließen, dass es sich um „falsche Opfer“ handele. „Immerhin zwei bis zehn Prozent der Stalkingopfer in einer Spezialambulanz entpuppen sich als falsche Betroffene“, mahnt Dreßing. Oft lebten sie in der wahnhaften Vorstellung, verfolgt zu werden. Zuweilen seien sie aber auch von Rachegefühlen oder der Hoffnung auf materielle Entschädigung geleitet.

Nicht zuletzt können auch Psychiater und Psychotherapeuten in ihrem beruflichen Kontext selbst zu Stalkingopfern werden – und zwar deutlich häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt. Stalkingopfern wird generell dazu geraten, ihren Wunsch nach Beendigung aller Kontakte nur einmal, aber unmissverständlich zu äußern. Alle weiteren Annäherungsversuche sollten dann komplett ignoriert werden. „An diese Regel sollten sich auch Therapeuten halten“, sagt Dreßing. Zu einer professionellen Reaktion gehöre es, das Therapieverhältnis nach dem ersten „Warnschuss“ sofort zu beenden.
Verhaltensregeln für Stalkingbetroffene

Nur eine, dafür aber unmissverständliche Erklärung, dass kein Kontakt gewünscht wird
Absolutes Ignorieren weiterer Kontaktangebote
Herstellen von Öffentlichkeit, d.h. Information von Nachbarn, Kollegen und Freunden
Dokumentation aller Vorkommnisse
Bei Telefonterror: alte Telefonnummer nicht abmelden, sondern damit die Stalkinganrufe mit einem Anrufbeantworter aufzeichnen (aber nicht entgegennehmen); Entgegennahme von Gesprächen unter einer Geheimnummer
Frühzeitige Anzeige bei der Polizei. Die Entscheidung hat aber die betroffene Person zu treffen und sollte dazu nicht gedrängt werden.

H. Dreßing:
Psychiatrische Aspekte von Stalking
PSYCH up2date 2019; 13 (2); S. 175–189

Pressemitteilung der Thieme Gruppe
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